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Eigentlich lag die Steilvorlage schon rum wie ein Elfmeter, noch bevor die Diskussion angefangen hatte. Als Gesprächsgrundlage einen Spielfilm über die Siebzigerjahre zu zeigen, in dem Frauen für den gleichen Lohn für gleiche Arbeit vors Bundesarbeitsgericht ziehen, bittschön: Wir sind doch weit ins 21. Jahrhundert vorgedrungen, Fortschritt, Heute, Damals nicht vergleichbar. Ein Null-Thema, das Sandra Maischberger sich da vorgenommen hatte: „Kaum Chefinnen, weniger Geld“, stellte die Redaktion in der Sendungsüberschrift fest und fragte dann: „Werden Frauen immer noch benachteiligt?“

Ja. Siehe Statistiken.

Die Talksendungen, die es rund um Teilaspekte von Gleichberechtigung und Diskriminierung allein in den vergangenen 12 Monaten gegeben hat, ach. „Wie viel Redundanz kann ein einzelner Mensch ertragen?“, würde als Talkthema irgendwie besser passen. Als die Unternehmerin Judith Williams sagte: „Wir haben das gleiche Recht, uns zu verwirklichen, die gleichen Positionen zu besetzen und mitzusprechen“, hätten somit eigentlich alle wieder nach Hause gehen können. Erst recht, da keiner ernsthaft über das relativ neue Entgelttransparenzgesetz reden wollte.

„Wir kommen aus einer sehr alten Welt“

Aber mei, nun saßen die fünf Gäste nun mal da. Und so lassen sich immerhin zwei Erkenntnisse festhalten: Es gibt Unternehmensberater, die Gleichstellungspolitik für „antidemokratisch“ und „Nordkorea“ halten. Und: Diskussionsrunden über GG Art. 3, Lohngleichheit, Diversity können erstaunlich unterhaltsam sein. Wenn wie bei „Maischberger“ Argumente auf dem Tisch landen, die man so noch nicht gehört hat. Siehe Nordkorea.


Sandra Maischberger diskutiert u.a. mit Hajo Schumacher und Judith Williams


WDR/Max Kohr

Sandra Maischberger diskutiert u.a. mit Hajo Schumacher und Judith Williams

Es hätte fürwahr öder werden können, so einseitig wie die Runde besetzt war: auf der einen Seite Katharina Schulze, Chefin der Bayern-Grünen; dazu die Kosmetikfirmengründerin und Fernsehshow-Jurorin Judith Williams; Ex-DGB-Chefin Ursula Engelen-Kefer; und der Autor und Kolumnist Hajo Schumacher, der um Geduld mit den Männern bat („Es ist ein Transformationsprozess, wir kommen aus einer sehr alten Welt“). Vier, die sich einig waren. Und auf der anderen Seite: Reinhard Sprenger, Unternehmensberater (Seminarthemen: „Radikal führen“, „Konflikte als Energiequelle nutzen“).

Schnell schnurrte die Fünferrunde allerdings auf ein Pingpong zwischen Sprenger und Schulze zusammen. Kuriositäten von ihm, fassungslose Repliken von ihr, die vor einem Rückfall in überkommen geglaubte Zustände warnte („Wenn weniger Frauen im Parlament sind, wird weniger über Themen diskutiert, die Frauen wichtig sind“), dazu Zwischenrufe aus der Runde. Typischer Austausch: „Die Lebenslüge der Gleichstellungspolitik ist, dass es einen Unterschied gibt: Frauen können Kinder kriegen“, so Sprenger – „Aber Väter…“ grätschen alle anderen unisono dazwischen. Keine*r brachte das Gegenargument zu Ende, führte familienfreundliche Politik und Unternehmenskultur ins Feld, als sei es zu offenkundig.

Wieder Sprenger: „Die Quote ist ein Eingriff in die Würde der Frau“, ein „Rückfall in patriarchale Denkmuster“, sie suggeriere, die Frauen seien zu schwach, es alleine zu schaffen. Zudem würde man die Lebensplanung der Frauen nicht respektieren, die ja offensichtlich eine andere sei als Karriere zu machen und: „Frauen werden so nicht als Individuum angesehen, sondern als Gruppenwesen.“ – „Willkommen in den Siebzigern“, rief Schumacher.

Als habe er sich vorgenommen, alle Stereotype abzugrasen, lehnte Sprenger sich raumgreifend ins Sofa und dozierte lächelnd im #Mansplaining-Duktus über Unternehmenspraktiken, obwohl vis-à-vis eine Unternehmerin das Gegenteil behauptete. Und er legte eine Ursache-Wirkung-Volte hin mit der These gegen Quote und Frauenförderung allgemein: „Wenn wir die Belegschaft spalten, spalten wir auch die Gesellschaft.“

„Jeder hat das Recht auf eigene Meinung, aber nicht auf seine eigenen Fakten“, sagte Schulze irgendwann auf Sprenger gemünzt. Der taumelte zwischen seinen eigenen Erfahrungen („Männer sind heute reine Sättigungsbeilage in Besetzungsprozessen“), der Totschlagthese, dass sowieso nichts wirklich gerecht miteinander vergleichbar sei, und Statistiken, deren Quelle er nicht nannte. Dafür zweifelte er pauschal die Zahlen des Statistischen Bundesamts an, die die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen bei gleicher Arbeit ausweisen.

Daher hier für alle, die bei den jahrelangen Karussellfahrten rund ums Thema immer noch keine Statistiken kennen, ein wenig Lesematerial zum Abkürzen:

Am Schluss sagte der frühere „Anti-Quoten-Mann“ Schumacher den so simplen wie großen Satz, der auf die Quote wie auf die Lohngleichheit passt, und zugleich zeigt, dass Gerechtigkeit eine geschlechterübergreifende Aufgabe sein muss: „Was kann denn passieren?“ Eben.

Nach dieser Sendung zumindest und, ja, auch nach diesem Text: dass auf einmal viele Menschen wissen, wer Reinhard Sprenger ist. Und eben wieder nicht, wie die Frauen hießen, die 1981 vor dem Bundesarbeitsgericht erfolgreich Lohngleichheit einklagten. Beate Berger. Und 28 andere „Heinze-Frauen“.

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