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Nordkoreas „supergroßes“ Raketensystem: „Es geht vor allem um Prahlerei“

Nordkoreas „supergroßes“ Raketensystem: „Es geht vor allem um Prahlerei“

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Lächelnd steht Nordkoreas Diktator Kim Jong Un neben einem „supergroßen Raketensystem, das mehrere Geschosse abfeuern kann“ – so beschreibt zumindest Nordkoreas Staatssender KCNA die vermeintliche neue Waffe des Diktators, die erfolgreich getestet worden sei.

Ob die Bilder wirklich authentisch sind und wann sie aufgenommen wurden, lässt sich nicht unabhängig prüfen. Südkorea bestätigte jedoch, Projektile registriert zu haben, die etwa 330 Kilometer weit geflogen seien und äußerte „große Besorgnis“.

Im Interview erklärt der deutsche Raketenexperte Robert Schmucker, warum er die vermeintlich neue Waffe für Prahlerei hält und warum Nordkorea noch weit davon entfernt sein dürfte, eine einsatzfähige Atomrakete zu bauen.

SPIEGEL: Herr Schmucker, Nordkoreas Diktator Kim Jong Un hat neben einem vermeintlich neuen „supergroßen Raketensystem“ posiert, das mehrere Geschosse abfeuern kann. Wie gefährlich ist diese Waffe?

Schmucker: Auf den Bildern ist ein typischer Raketenwerfer für größere Artillerieraketen zu sehen, die bis zu zwei- oder dreihundert Kilometer Reichweite haben. Das ist eine Allerweltswaffe, auch für Nordkorea nicht neu. Es ist dasselbe System, das auch schon früher mehrmals getestet worden ist. Das ist nichts, was mich beunruhigen würde.

Zur Person

  • Claus Schunk

    Robert Schmucker, geboren 1943, ist Professor an der TU München im Bereich Raumfahrttechnik. Zu seinen Forschungsgebieten gehört die Entwicklung von Fernwaffen in Ländern wie Nordkorea. In den Neunzigerjahren war er Mitglied des Uno-Inspektionsprogramms im Irak.

SPIEGEL: Was ist bisher über die eingesetzte Rakete bekannt?

Schmucker: Auf den von Nordkorea veröffentlichten Bildern ist eine bereits bekannte Artillerierakete zu sehen, die die Kodierung KN-09 trägt. Die kleinen Entenflügel an der Raketenspitze dienen offensichtlich zur Lenkung, aber ich bin mir nicht sicher, wie es um deren Effektivität steht. Sprich, ob sich dadurch die Präzision oder die Genauigkeit gegenüber einem rein ballistischen, ungesteuerten Flug wirklich deutlich verbessert.

SPIEGEL: Ist überhaupt nichts Neues an dem Waffensystem?

Schmucker: Eigentlich nicht. Es handelt sich um eine Rakete mit einem Composit-Antrieb, der für eine höhere Leistung und eine größere Nutzlast sorgt. Das ist an der Flamme zu erkennen, denn da entsteht weißer Rauch.

SPIEGEL: Ist eine Rakete im Besitz eines Diktators nicht immer beunruhigend?

Schmucker: Wenn solche Raketen mit 200 bis 500 Kilogramm Sprengstoff eine Stadt treffen, richten sie natürlich erheblichen Schaden an und mit der genannten Reichweite wäre Seoul durchaus im Schussbereich dieser Rakete. Aber solche Raketensysteme sind wenig präzise, das Zielgebiet lässt sich allenfalls auf einige Kilometer eingrenzen. Man kann sich das in etwa vorstellen wie eine große Kanone. Für eine echte militärische Bedrohung bräuchte Nordkorea unzählige solcher Raketen.

SPIEGEL: Wenn das Raketensystem so alltäglich ist, warum präsentiert Nordkorea es dann so stolz?

Schmucker: Ich glaube, es geht vor allem um Prahlerei und die Darstellung der eigenen, vermeintlichen Waffenpotenz. Ich bezweifle jedoch, dass Nordkorea tatsächlich eigene entwickelte Raketen großer Leistung und Reichweite besitzt.

SPIEGEL: Aber das Land hat in den vergangenen Wochen doch immer wieder Raketentests durchgeführt.

Schmucker: Das waren nur kleinere Geräte. Ich halte es zwar generell für denkbar, dass Nordkorea eigene Raketen entwickelt, aber mehrere Hinweise sprechen dafür, dass das Land bisher vor allem Waffen aus dem Ausland benutzt. Bis 2017 waren die nordkoreanischen Raketen praktisch alle russischer Provenienz. Zudem waren die benutzen Raketen sehr unterschiedlich. Wenn ich Raketen in meinem Land entwickeln wollen würde, würde ich versuchen, sie zu standardisieren und diese Technologie weiterentwickeln. Sind die Raketen jedoch sehr unterschiedlich, müsste ich auch jeweils eigene Systeme entwickeln. Das wäre ineffizient.

SPIEGEL: Nordkorea hat wiederholt mit dem Einsatz von Atomraketen gedroht. Besteht eine reale Gefahr?

Schmucker: Von nuklearwaffenfähigen Raketen mit größerer Reichweite ist Nordkorea noch weit entfernt. Wenn es Verbesserungen geben sollte, würden wir das schnell bemerken, denn dazu wären viele erfolgreiche Tests unter realen Bedingungen nötig – über die gesamte Distanz und mit einem realen Wiedereintrittskörper. Davon ist aber bisher nichts zu erkennen.

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