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Schock in der Dunkelheit: Drei Frauen werden am späten Donnerstagabend in Nürnberg von einem Unbekannten niedergestochen – die Taten ereignen sich innerhalb weniger Stunden und jeweils nur wenige Hundert Meter voneinander entfernt. Die Fahndung nach dem Täter läuft.


Donnerstag, 23.45 Uhr: Polizisten umstellen ein Wohnhaus, in das ein Verdächtiger geflüchtet ist, auf den die Täterbeschreibung passt. Doch obwohl das ganze Gebäude durchsucht wird, bleibt er verschwu
Donnerstag, 23.45 Uhr: Polizisten umstellen ein Wohnhaus, in das ein Verdächtiger geflüchtet ist, auf den die Täterbeschreibung passt. Doch obwohl das ganze Gebäude durchsucht wird, bleibt er verschwundenFoto: NEWS5

Zu sehen ist praktisch nichts mehr. Und trotzdem wissen am Tag danach alle Bescheid: Ein bislang Unbekannter hat am Vorabend im Nürnberger Stadtteil St. Johannis unweit der Kaiserburg drei Frauen niedergestochen und schwer verletzt.

▶︎ War es ein Terroranschlag? Hass auf Frauen? Die Taten eines Verrückten? Die Spekulationen gehen in alle Richtungen. Die Polizei hat bisher keine Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund.

Der Täter ist bislang nicht gefasst

Diese Täterbeschreibung postete die Polizei bei Twitter:

Die drei Tatorte liegen nur wenige Hundert Meter voneinander entfernt – in einem beliebten Viertel mit vielen Altbauten. Auf den ersten Blick weist nichts mehr auf die Bluttaten hin. Nur wer genauer hinschaut, entdeckt am dritten Tatort letzte Spuren.

Ein kurzes Stück des Absperrbandes der Polizei flattert im Wind. Es ist an einem Metallbogen im Vorgarten befestigt, an dem Rosen wachsen. Und vor der Haustür haben die Beamten ein gelbes Markierungshütchen vergessen. Nur wenige Menschen sind bei der Kälte auf der Straße, einige Anwohner gehen mit ihren Hunden spazieren.


Am dritten Tatort letzte Spuren. Ein kurzes Stück des Absperrbandes der Polizei
Am dritten Tatort letzte Spuren. Ein kurzes Stück des Absperrbandes der Polizei Foto: Daniel Karmann / dpa

„Ich habe schon ein komisches Gefühl“, sagt eine 54-Jährige, die gerade auf dem Weg zur Arbeit ist. „Wahrscheinlich war es einfach nur ein Irrer.“ Weihnachten sei immer eine komische Zeit. „Viele sind dann alleine und drehen durch.“

Auch im „Caffé Fatal“ um die Ecke gehen die Gedanken der Gäste in diese Richtung. „Wahrscheinlich ist da einer ausgetickt“, sagt die 53 Jahre alte Kerstin. An einen Terroranschlag glaubt sie nicht. „Vielleicht hatte da einer einen Hass auf Frauen?“, fragt sie. Sie gehe jedenfalls von einem Einzeltäter aus. Solange dieser nicht geschnappt sei, werde sie auf jeden Fall etwas vorsichtiger sein. „Ich habe aber gar keine Lust darauf, mich zu Hause einzuschließen.“


Spezialkräfte mit Kettenanzug und Lanzen. Der Anzug ist stichfest, mit der Lanze wird gegen Messer-Angreifer vorgegangen, ohne dass der Beamte sie zu nah an sich heranlassen muss
Spezialkräfte mit Kettenanzug und Lanzen. Der Anzug ist stichfest, mit der Lanze wird gegen Messer-Angreifer vorgegangen, ohne dass der Beamte sie zu nah an sich heranlassen mussFoto: NEWS5

Staatsanwaltschaft sieht die Taten jeweils als versuchten Mord

Eine Polizeistreife fährt die Straßen ab. In der Nacht waren die Beamten mit einem Großaufgebot und Hunderten Beamten im Einsatz. Stundenlang sei der Hubschrauber über dem Stadtteil gekreist, berichtet ein Anwohner.

▶︎ Auch mit Hunden wurde nach dem Flüchtigen gesucht. Ein Verdächtiger geht den Beamten dennoch durch die Lappen: Er flieht, als er eine Streife sieht, in ein Haus. Gefunden haben die Einsatzkräfte ihn nicht. War das der Täter? „Es ist eine Spur, die überprüft wird“, sagt ein Polizeisprecher lediglich.


Karte: Drei Frauen nach Angriffen am 13.12.2018 verletzt

Der Gesuchte hat die Fußgängerinnen zwischen 19 und 23 Uhr angegriffen – er soll sofort zugestochen und zuvor nicht mit seinen Opfern gesprochen haben. Die Staatsanwaltschaft sieht die Taten daher jeweils als versuchten Mord. Die Tatwaffe ist bisher unbekannt – von einem Messer will die Polizei nicht zwingend sprechen.

Die Polizei setze alles daran, die Taten schnellstmöglich aufzuklären, betont der mittelfränkische Polizeipräsident Roman Fertinger. Solche Fälle – und dann noch ausgerechnet in der besinnlichen Adventszeit – beeinträchtigten verständlicherweise das Sicherheitsempfinden der Menschen, sagt er.

Er betont jedoch: Die Zahl der Straftaten im öffentlichen Raum habe nicht zugenommen. Man könne daher nicht von einer „großen Gefährdung“ sprechen.

„Ich habe Angst gehabt, heute früh rauszugehen.“

Die 26 Jahre alte Elen und ihre Freundin Dilan (25) zeigen sich dennoch erschrocken. Die jungen Frauen machen in der Klinik um die Ecke eine Ausbildung zur Krankenschwester. Sie sei am Vorabend ganz in der Nähe unterwegs gewesen und habe mit dem Kopfhörer Musik gehört, erzählt Elen. Das will sie nun erst mal bleiben lassen. „Ich denke, dass es ein psychisch Kranker war“, sagt die 26-Jährige. „Vielleicht hatte er auch Drogen genommen.“

Dilan dachte als Erstes an einen Terroranschlag. „Das passiert ja jetzt immer in der Weihnachtszeit“, sagt die 25-Jährige. „Ich habe Angst gehabt, heute früh rauszugehen.“ Es könne überall und jederzeit passieren – selbst in einem an sich sicheren Stadtteil wie St. Johannis. „Kein Ort ist sicher“, sagt auch eine andere Frau, die gerade in Nürnberg zu Besuch ist.

Floristin Sabine Otzmann (53) zu BILD: “Ich habe Angst! Auch meine Kundinnen fühlen sich unsicher. Vor allem wenn es dunkel wird, kommt ein mulmiges Gefühl auf. Ich wohne in der Nähe. Wenn so etwas vor der eigenen Tür passiert und der Mann nicht gefasst ist, hat man einfach Angst.“


Floristin Sabine Otzmann (53)
Floristin Sabine Otzmann (53) Foto: Klaus Schillinger

▶︎Dieser Eindruck passt zu einer neuen Bürgerbefragung der Stadt.

Das Sicherheitsgefühl der Bewohner hat demnach abgenommen. „Das ist aber kein Nürnberger Phänomen, sondern gilt allgemein“, sagt eine Sprecherin des Bürgermeisteramtes.

Genauere Ergebnisse der Befragung wollte die Stadt am Freitag vorstellen. Nach den Angriffen wurde der Termin aber erst einmal abgesagt.

▶︎Die Polizei geht derzeit von einem Einzeltäter aus. Denn die Taten seien sich sehr ähnlich, sagt der leitende Kriminaldirektor, Thilo Bachmann. „Es gibt keine Vorgeschichte, keinen Streit. Die Angriffe erfolgten unvermittelt.“ Er bezeichnet die Vorgehensweise als „ungewöhnlich“: „Es gibt kein erkennbares Motiv.“ Eine Sonderkommission mit mehr als 40 Beamten soll den Täter schnappen.

Fragen und Vorwürfe an die Beamten

▶︎ Im Internet tauchen schnell Fragen und Vorwürfe an die Beamten auf: Wie könne es sein, dass noch weitere Taten passieren, obwohl die Polizei ganz in der Nähe ist? Und warum wurde die Öffentlichkeit nicht früher informiert? Die Beamten gingen jedoch zunächst von einem Einzelfall aus.

Niemand habe damit rechnen können, dass der Täter erneut zuschlägt. Sie gehe außerdem nicht davon aus, dass viele Menschen in der Nacht eine Nachricht der Polizei gelesen hätten, sagt eine Sprecherin. Polizeipräsident Fertinger ergänzt, man habe „nicht die ganze Stadt in Unruhe versetzen“ wollen, da sich die Taten auf einen recht kleinen Raum beschränkten.

Verstärkte Einsatzkräfte auch in der Nacht

„Wir sind auch über die Nacht mit starken Kräften im Einsatz“, teilte die Polizei bei Twitter mit.

Im Rahmen der Fahndung überprüften Polizisten mehrere Personen, wie eine Sprecherin sagte.

Dabei halten die Beamten auch Menschen fest, um die nötigen Maßnahmen durchführen zu können. „Das ist ganz normale Ermittlungsarbeit“, sagte die Sprecherin.

Schon zuvor war eine Sonderkommission mit 40 Beamten eingesetzt worden.

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