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Horst Seehofer, 69, und Uli Hoeneß, 66, haben inzwischen mehr gemeinsam als ihre ruhmreiche Vergangenheit in Bayern: Sie scheitern an der Gegenwart. Und das liegt daran, dass sich der Präsident des FC Bayern München und der Vorsitzende der CSU für unersetzlich halten. Das ist wohl mitunter so, wenn man in seinem jeweiligen Schaffensbereich so viel erreicht hat wie diese beiden Herren. Von ganz oben sehen die anderen irgendwann immer kleiner aus – und die eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten scheinen sich in der Höhenluft aufzulösen.

In Wahrheit aber werden es immer mehr. Und das ist auch kein Wunder, wenn man in einer Zeit auf die 70 zugeht, in der sich alles immer schneller dreht. Die Nachrichten, die Aufregungsspiralen. Dazu kommt, dass die Fans auf der einen und die Parteimitglieder und Bürger auf der anderen Seite sich immer weniger bieten lassen, immer kritischer werden. Das bewährte Tempo, mit dem man früher den Verein, das Land oder die Partei führte, die alten Tricks, all das funktioniert kaum noch.

Seehofer ist Hoeneß nun immerhin einen Schritt voraus: Er hat seinen Abgang als CSU-Vorsitzender angekündigt, ein Parteitag am 19. Januar soll über die Nachfolge bestimmen. Aber wie er sich zu diesem Schritt gequält hat, ist ein weiterer Beleg dafür, dass Seehofer es einfach nicht mehr kann.

Seit der Landtagswahl am 14. Oktober, bei der die CSU eine krachende Niederlage erlitten hatte, waren seine Tage gezählt. Ob das gerecht ist, weil der Spitzenkandidat und gerade wieder zum Ministerpräsidenten gewählte Markus Söder genauso Verantwortung für das Ergebnis trägt, ist eine andere Frage. Aber es war auch für Seehofer offensichtlich, dass die CSU, von Söder und seinen Leuten entsprechend munitioniert, die Schuld bei ihm abladen wollte.

Für einen souveränen Rückzug von der Parteispitze, so wie ihn CDU-Chefin Angela Merkel am Tag nach der hessischen Landtagswahl angekündigt hat, gab es für Seehofer ein Zeitfenster. Doch er hat es nicht genutzt. Stattdessen ließ er sich auf eine Absprache mit seinem ewigen Antipoden Söder ein, von der Seehofer wissen musste, dass sie ihm am Ende nur schaden würde. Söder gewährte Ruhe bis zur Regierungsbildung – dann ließ er den Druck auf den Parteichef erhöhen. Denn selbstverständlich will Söder jetzt selbst das Amt.

Hat Seehofer ernsthaft geglaubt, sich noch bis zum Parteitag Ende 2019 retten zu können, bis zu dem er turnusgemäß gewählt ist? Oder geht es ihm mittlerweile nur noch darum, Zeit zu gewinnen?

Der ewige Spieler Seehofer hat kein Blatt mehr in der Hand

Jedenfalls verkommt der Abgang Seehofers, der als letzter deutscher Ministerpräsident eine absolute Mehrheit für seine Partei gewinnen konnte und beinahe zehn Jahre lang an der Spitze der CSU stand, immer mehr zur Farce. Er gab vor, alles in der Hand zu haben, während seine Partei immer hörbarer an seinem Stuhl sägte. Zuletzt ließ Seehofer Berichte über seine Zukunft, die sich schließlich als wahr erwiesen, zunächst umso heftiger dementieren. Seine Ankündigung in der Sitzung der CSU-Führung am Sonntagabend, als Vorsitzender aufzuhören und einen Sonderparteitag Anfang kommenden Jahres über die Nachfolge entscheiden zu lassen, wollte Seehofer bis zum Freitag nicht kommentieren. Dann erklärte er genau das schriftlich.

Der ewige Spieler Seehofer hat kein Blatt mehr in der Hand – jetzt setzt er nur noch darauf, den anderen das Spiel möglichst zu verderben.

Seehofers frühere Generalsekretär Alexander Dobrindt war ihm lange treu ergeben – nun versucht Seehofer, ihn mit sich in den Abgrund zu reißen. Offenbar ist er von Dobrindt enttäuscht. Seine Aufforderung an den CSU-Landesgruppenchef, auf dem Parteitag gegen Söder zu kandidieren, war jedenfalls eine böse Falle: Dobrindt hätte derzeit nicht den Hauch einer Chance gegen den Ministerpräsidenten, weshalb er entsprechende Ambitionen auch rasch dementierte.

Noch bleibt Seehofer das Amt des Bundesinnenministers. Aber in Wahrheit kann er es nur halten, weil sonst momentan niemand in der CSU will. Zugriff auf das Amt hätte Seehofer, wenn Söder erst Parteichef ist, jedenfalls keinen mehr. Über die Besetzung der CSU-Ministerien entscheidet der Vorsitzende.

Deshalb bleibt Seehofer am Ende wohl auch gar nichts anderes übrig, als seine Zukunft in Berlin offenzulassen – weil er darüber bald sowieso nicht mehr selbst zu bestimmen hat. Oder kommt Seehofer doch noch einmal zur Vernunft und wählt den selbstbestimmten Abgang als Minister?

Sonst endet die große politische Karriere von Horst Seehofer als komplette Farce: in der Hand seines größten Widersachers.

Stimmenfang #74 – Horst Seehofer: Der Meister der Rücktritte

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