Spread the love



Wären die Zwischenwahlen in den USA ein Referendum über Donald Trump gewesen, in West Virginias drittem Wahlbezirk hätte der Präsident wohl in jedem Fall gewonnen. 2016 hatten hier 73 Prozent für Trump gestimmt. Ganz so deutlich fiel der Sieg für seine Republikaner im Süden des US-Bundesstaates jetzt nicht aus. Carol Miller etwa zieht mit 56 Prozent der Stimmen ins Repräsentantenhaus ein.

Doch selbst wenn sich deren Gegner durchgesetzt hätte – Trump würde sich womöglich auch darüber nicht ernsthaft beschweren. Denn auch Richard Ojeda hat den Präsidenten gewählt. Obwohl er Demokrat ist.

Wer in West Virginia politischen Erfolg haben will, sollte nicht allzu sehr auf Distanz gehen zu Trump. Vor allem beim Thema Kohle. Ojeda holte bei den Midterms mehr als 43 Prozent. Im Wahlkampf hat er für den Erhalt der Minen geworben, die Teil der Identität dieses Bundesstaates sind. Anders, sagen manche, hätte Ojeda in der Trump-Hochburg wohl gar keine Chance gehabt.

“Ein Demokrat, der für Kohle ist, ist wie ein Homosexueller, der Trump wählt”, sagt Robert Amos. Republikaner wie er machen sich gerne darüber lustig, wenn die Demokraten in ihrer Gegend mit besonders konservativen Kandidaten antreten. Vor allem, wenn sie trotzdem gewinnen.

Es ist Dienstagabend, die Wahlnacht. Amos ist gerade bei einer Feier der Republikaner eingetroffen. Vor der Abstimmung hat er im dritten Wahlbezirk die freiwilligen Wahlkämpfer seiner Partei koordiniert, selbst an unzählige Türen geklopft.

Amos öffnet sich ein Bier. Auf Fernsehbildschirmen laufen nach und nach die Ergebnisse ein. Die Stimmung bei den Republikanern ist ausgelassen. Die Unterstützung für Trump sei in West Virginia ungebrochen, sagt Amos. Der Grund: Der Präsident lasse den Traum vieler Menschen hier wahr werden – der Traum von einer Zukunft mit Kohle.

West Virginia ist noch immer der zweitgrößte Kohleproduzent der USA, jahrzehntelang war die Branche Taktgeber in einem der ärmsten Staaten des Landes. Doch mit der Energiewende verliert Kohle an Bedeutung. Die Folge: Arbeitsplätze fallen weg. Für viele Menschen ist das eine Katastrophe.


Carol Miller


Sholten Singer / The Herald-Dispatch / AP

Carol Miller

Trump allerdings hat versprochen, die Jobs in der Kohleindustrie wieder zurückzubringen. Und in West Virginia sieht es für die Menschen so aus, als würde er sein Versprechen halten: Seit Trumps Amtsübernahme ist die Zahl der Arbeitsplätze in der Branche wieder leicht gestiegen. Insgesamt ist der Bedarf an Kohle im Land zwar rückläufig und die Produktion insgesamt kaum gewachsen. Doch der Präsident setzt auf Exporte. Und seine Wähler geben die Hoffnung nicht auf.

“Wenn Kohle in den USA nicht mehr gewollt ist, gibt es immer noch einen riesigen Markt in der dritten Welt für uns”, sagt eine enthusiastische Trump-Wählerin bei der Republikaner-Party. “Die Jobs kommen wieder zurück”.

Persönlich hat die Frau mit der Kohleindustrie nichts zu tun, aber sie will, dass es mit der Wirtschaft ihres Bundesstaats wieder bergauf geht. Sie will, dass Trump die Umweltregulierungen aufhebt, die die Region zwei Kraftwerke gekostet haben.

“Es ist Glaube. Es ist Familie. Es ist Amerika”

Es gab eine Zeit, da wählten viele Arbeiter die Demokraten. In West Virginia war die Partei einst sogar am stärksten. Das änderte sich im Jahr 2000, als Minenarbeiter sich zwischen dem umweltbewussten Demokraten Al Gore und George W. Bush entscheiden mussten. In einem Staat, der von den Jobs in der Kohleindustrie abhängt, hatte ein Kämpfer für Klimaschutz keine Chance mehr.

Barack Obamas Klimaschutz-Regelungen vergrößerten den Abstand zu den Republikanern weiter. Auch aufgrund der verschärften Gesetze musste große Kohlewerke schließen, Tausende Arbeiter verloren ihre Jobs.

Als Carol Miller an diesem Abend ihren Sieg feiert, hat sie eine einfache Botschaft – so einfach wie ihre Kampagne war: “It’s faith. It’s family. It’s America”, sagt die Republikanerin – “Es ist Glaube. Es ist Familie. Es ist Amerika”.

Wie Trump gibt sie sich als Kämpferin für die einfachen Leute. Kohle, Waffen, Gott – mit diesen Themen kann man in West Virginia gewinnen. Egal, ob man Republikaner ist. Den Sitz im Senat für West Virginia kann Joe Manchin verteidigen, ein Demokrat. Wie Richard Ojeda bleibt auch er beim Thema Kohle auf Trump-Linie.

“Demokrat sein in Washington und Demokrat sein in West Virginia ist nicht dasselbe”, erklärt Ron Stollings, seit Jahren demokratisches Mitglied im Senat des Bundesstaats. Es ist der Tag nach der Wahl. Vor Stollings Haus im sogenannten Coal Valley stehen noch die Schilder mit seinem Namen. Er hat sie eigenhändig eingesammelt. “Du musst für Kohle sein und für Gott. Und deine soziale Agenda läuft dann nebenbei.” So hätten er und Joe Manchin gewonnen. Wenn Demokraten in diesen konservativen Hochburgen gewinnen wollen, müssten sie sich eben anpassen.

“Diversifizierung ist die Zukunft”

Doch Stollings sieht für West Virginia eine andere Zukunft. Er fährt gerne mit seinem Auto zu den ebenen Flächen, die durch die Sprengung von Bergspitzen bei der Kohleförderung entstanden sind: Hier könnten Solaranlagen entstehen, Alternativen zur Kohle. Diversifizierung, sagt er, Umschulungen für Minenarbeiter, das sei die Zukunft. “Niemand hier glaubt ernsthaft daran, dass die Kohlewerke zurückkommen”. Die Menschen müssten das nur langsam lernen.

Die Frau, die die Geschichte der Kohle überwacht, sieht das ganz anders. In einem kleinen Museum nicht weit von Stollings Haus werden die Erinnerungen an eine bessere Zeit liebevoll in Vitrinen verwahrt, Werkzeuge, Arbeitskleidung – im hinteren Teil haben sie sogar einen Mineneingang nachgebaut.

Peggy sitzt hier sechs Tage die Woche hinter einer abgeschlossenen Tür, an die manchmal ein verlorener Tourist klopft. Die Museumsmitarbeiterin verliert sich schnell in Gedanken an bessere Zeiten. Auch sie hofft auf Trump. “Wir werden die Kohle zurückbekommen”, sagt sie. “Wir haben einen Geschäftsmann an der Spitze unseres Landes!”

Please follow and like us: