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Recep Tayyip Erdogan

Der türkische Staatspräsident Erdogan bestimmt seit mindestens zwei Jahren maßgeblich die Geldpolitik des Landes.


(Foto: AP)

Istanbul Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan behauptet manchmal halb im Scherz, er habe eine Allergie gegen Zinsen. Er will damit sagen, dass er lieber auf niedrige Leitzinsen setzt, um die Wirtschaft anzukurbeln – auch wenn dann die Lira an Wert verliert. An diesem Donnerstag scheint seine Allergie ausgesetzt zu haben. Die türkische Zentralbank (TCMB), die ihre Politik auf Geheiß des Präsidenten festlegt, erhöhte den Leitzins gleich um zwei Prozentpunkte auf 10,25 Prozent. Der Schritt kam überraschend.

Lediglich drei von 31 befragten Analysten hatten gegenüber der Finanzagentur Bloomberg damit gerechnet, dass die Notenbank die Leitzinsen anheben wird. Auch in Istanbuler Finanzkreisen glaubte kaum jemand an eine straffere Geldpolitik im Vorfeld einer zweiten Covid-19-Welle im Herbst.

Offensichtlich ist Erdogans Rechnung nicht aufgegangen: Er wollte, dass die Wirtschaft trotz der Infektionsschutzmaßnahmen keinen zu großen Schaden nimmt. Das billige Geld sollte den Unternehmen den Spielraum verschaffen. Die Inflation nahm er dafür in Kauf.

Im Sommer hatten die Geldwächter insgesamt mehrere Dutzend Milliarden US-Dollar eingesetzt, um die Lira vor dem Verfall zu retten. Trotzdem sinkt der Kurs seit mehreren Wochen täglich. Auch das weiter bestehende Zahlungsbilanzdefizit belastet die Wirtschaft. Schließlich lebt die türkische Volkswirtschaft immer noch von Krediten. Und die werden teurer, wenn die heimische Währung an Wert verliert.

Die Gesundheitsdaten deuten an, dass die Türkei vor weiteren Einschränkungen steht. Von Mittwoch- bis Donnerstagabend registrierte das Gesundheitsministerium in der Türkei 1767 neue Corona-Infektionen und 72 Todesfälle. Beide Werte sind so hoch wie seit Anfang Mai nicht mehr.

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Insgesamt sind nach Angaben des Ministeriums bisher 7711 Menschen am Coronavirus in der Türkei gestorben. In Deutschland sind es bei ähnlicher Einwohnerzahl 9508 Tote. Die Intensivbetten in der Türkei sind nach offiziellen Angaben derzeit zu rund zwei Dritteln belegt.

Nicht nur bei der Eindämmung des Virus hatte sich die Türkei bisher vergleichsweise gut geschlagen. Wirtschaftlich sorgten Förderprogramme dafür, dass die Gesamtnachfrage trotz Lockdowns nie richtig aussetzte. So gibt es eine Art Kurzarbeitergeld wie in Deutschland, außerdem Förderprogramme für Unternehmen und vor allem billige Kredite.

Früh hatte das Finanzministerium unter Leitung von Berat Albayrak insbesondere staatliche Banken mehr oder weniger gezwungen, besonders günstige Kredite für Firmen und Privatpersonen bereitzustellen. Der Kreditgarantiefonds des Landes wurde auf umgerechnet 32,5 Milliarden US-Dollar ausgeweitet, um strauchelnde Unternehmen zu unterstützen.

Mit Erfolg. Im zweiten Quartal rutschte das Bruttoinlandsprodukt des Landes zwar um 9,9 Prozent ab. In anderen Schwellenländern außer China sah es deutlich schlimmer aus. In der Euro-Zone sank die Wirtschaftsleistung im selben Zeitraum um 12,1 Prozent. Für das Gesamtjahr rechnet mancher Ökonom sogar damit, dass die Türkei mit einem Nullwachstum davonkommen könnte.

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Doch die Maßnahmen hatten einen hohen Preis. Die Teuerungsrate zog deutlich an, zuletzt auf 11,77 Prozent. Auch die Lira hat mit rund 30 Prozent massiv an Wert verloren. Das deutet darauf hin, dass die Preise in Zukunft weiter steigen werden.

Die türkischen Exporte hatten zuletzt sogar zugelegt. Doch der Trend könnte schnell vorbei sein, wenn im Herbst weltweit Lockdowns ausgerufen werden. Auch ein niedriger Leitzins und eine schwache Lira würden dann kaum noch helfen, Produkte ins Ausland zu verkaufen.

Mehr: Türkische Wirtschaft bricht nicht so stark ein wie erwartet.

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